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PostHeaderIcon Zwischen Windeln und Hörsaal


Studieren mit Kind ist ein täglicher Spagat. Nur mit Organisationstalent, einem kühlen Kopf und Hilfe von Außen lässt sich eine Zerrung verhindern. Es ist ein straffer Zeitplan: zur Vorlesung gehen, Seminare vorbereiten, für Klausuren lernen und gleichzeitig noch ein Kind großziehen.

Während viele Kommilitonen schon das Studium allein als gewaltige Belastung empfinden, quetschen junge Väter und Mütter den Lehrbetrieb in die Still- und Schlafpausen ihrer Zöglinge. Diesen täglichen Spagat zwischen Uni und Kind kennt auch Janett Kästner. Ihr Sohn Phillip ist mittlerweile eineinhalb Jahre alt. „Die Schwangerschaft war wahrlich nicht geplant", gesteht die junge Mutter. Trotzdem versucht sie stets, ihr Studium der Finanz- und Wirtschaftsmathematik an der TU Braunschweig mit den Bedürfnissen ihres Sohns unter einen Hut zu bringen.
Laut einer Statistik des Deutschen Studentenwerks liegt der Anteil an studierenden Eltern durchschnittlich bei sieben Prozent. Das Studieren mit Kind ist eine tägliche Herausforderung und Mehrfachbelastung. „Es ist einfach unheimlich anstrengend und sehr stressig", berichtet Janett. Das sieht man der 27-Jährigen nicht sofort an. Sie hat ein Lächeln im Gesicht und wirkt wie der ruhende Pol im Chaos, das Phillip gerade in der Wohnung anrichtet. Der kleine „Zappel-Phillip" macht seinem Namen alle Ehre. Janett lebt seit drei Jahren mit Phillips Vater Stefan in einer festen Partnerschaft. „Aber im Grunde bin ich alleinerziehend, außer abends und am Wochenende, da Stefan voll berufstätig ist."

Bereits in der Schwangerschaft war sie deshalb gezwungen ein Urlaubssemester zu nehmen, kurz nach der Geburt noch eines. Ein Krippenplatz war zunächst nicht aufzutreiben. „Ich musste in den sauren Apfel beißen und die Doppelbelastung auf mich nehmen", erzählt sie.
Der Wiedereinstieg ins Studium war eine nervliche Zerreißprobe – der Stundenplan ein Flickenteppich. „Wenn überhaupt, konnte ich maximal eine Vorlesung am Tag besuchen, also im Grunde nichts." Den Spurt zum Campus nahm sie immer dann auf sich, wenn eine Freundin kurz auf Phillip aufpassen konnte. Ernsthaft studieren konnte sie erst wieder, nachdem sie einen Betreuungsplatz für ihren Kleinen bei einer städtischen Krippe bekommen hatte.
„Ich fühlte mich ein bisschen alleingelassen", erinnert sich Janett an die Zeit kurz nach ihrer Schwangerschaft. Durch einen Zufall hat sie dann von einer studentischen Elterninitiative erfahren. Dort konnte sie sich mit anderen Eltern austauschen. „Durch die Uni-Zwerge habe ich damals auch Anne-Christin Eggers vom Familienbüro kennengelernt. Sie stand mir für alle Fragen rund um das Studieren mit Kind zur Verfügung." Der Klassiker aller Probleme ist dabei die Organisation der Kinderbetreuung.
„Die Kinderbetreuung an der TU ist längst nicht ausreichend. Das ist ein Faktum und das wissen auch alle", sagt Eggers. „Aber wir planen das Angebot weiter auszubauen. Die Hochschulleitung hat zum Beispiel gerade erst 900.000 Euro investiert und eine zweite Kindertagesstätte mit 30 Plätzen in der Konstantin-Uhde-Straße geschaffen." So sollte man sich rechtzeitig, schon während der Schwangerschaft, um die zukünftige Unterbringung des Kindes kümmern. Verbesserungspotential sieht die junge Mutter Janett auch im Uni-Sport Programm. „Es werden zwar Kurse wie Geburtsvorbereitung und Babymassage angeboten, doch darüber hinaus fehlt das Angebot. Kinderturnen, das wäre doch klasse", schlägt sie vor.

Im Alltag einer studierenden Mutter ist kein Platz für das typische Studentenleben. Hausaufgaben, Lernen und der Haushalt bilden das Abendprogramm. Wenn Phillip krank ist, herrscht Stillstand im Studium. „Es gibt ja zum Glück keine Anwesenheitspflicht, aber natürlich verpasse ich dann oft entscheidende Inhalte." Speziell bei Problemen mit Prüfungsleistungen, beispielsweise aufgrund enormer Fehlzeiten, bemüht sich das Familienbüro um Lösungen. „Wir arbeiten an einem Katalog mit alternativen Prüfungsleistungen für Studierende, die sich in einer problematischen Familiensituation befinden", betont Eggers. Entlastung für junge Eltern könnte auch ein Teilzeitstudium bieten. Dafür hat sich insbesondere der Förderverein „TUBS und Familie" erfolgreich eingesetzt. Ein entsprechender Beschluss des Präsidiums wird noch diesen Sommer erwartet. Für die schmale Studentenbörse ist ein Kind eine nicht zu unterschätzende Belastung. Vorteile gegenüber ihren kinderlosen Kommilitonen haben Studierende mit Kind trotz staatlicher Unterstützung nicht. „Ich spare im Semester zwar die 500 Euro Studiengebühren und bekomme 160 Euro Kindergeld im Monat, aber die Kinderbetreuung muss ja auch bezahlt werden", erklärt Janett.
Die Kosten eines Betreuungsplatzes für Kinder richten sich nach dem Gehalt der Eltern und örtlichen Bedingungen. Studierende bezahlen im Vergleich zu Berufstätigen einen ermäßigten Beitrag. „Gesamtpolitisch und gesellschaftlich gesehen muss da einfach mehr passieren. Kinderbetreuung muss qualitativ besser und vor allem günstiger werden", findet Anne-Christin Eggers aus dem Familienbüro.

Junge Eltern studieren oft länger als ihre kinderlosen Kommilitonen. Und selbst nach Abschluss des Studiums bedeutet ein Kind vor allem zusätzliches Gewicht beim eigenen beruflichen Gipfelsturm. Man gibt sich weniger flexibel in der Wohnortwahl, die obligatorischen 40-Stundenwochen zum Berufsstart sind auch nicht drin. Es scheint als komme ein Kind im Grunde nie recht, als seien Nachwuchs und Karriere in unserer Gesellschaft nur schwer vereinbar. „Wir sollten irgendwann dahin kommen, dass es egal ist, wann ich ein Kind bekomme", fordert deshalb Eggers. Vorerst wird das jedoch ein Wunsch und das Leben zwischen Windeln und Hörsaal ein Spagat bleiben. Mit einem lauten „Rumms" fällt ein Turm aus Bauklötzen zusammen. Phillip beginnt zu quengeln. Janett sollte gerade eigentlich für die sich drohend nähernden Klausuren lernen. Stattdessen steht wieder einmal Aufräumen auf dem Programm. Sie lächelt…

Birgit Fischer