Viel Geld um Nichts?

Wohin die Studiengebühren fließen und wie sich der Strom lenken lässt – uni38 hat nachgefragt. Von Info-Broschüren auf Glanzpapier bis zu Privatpartys der Professoren: Um die Verwendung der Studienbeiträge ranken sich viele Mythen. Doch wo landet das Geld wirklich? Was haben Studierende davon? Und vor allem: Wie können sie bei der Verteilung mitreden?
Trotz aller Proteste und Wahlversprechen – am 9. Dezember 2005 war es beschlossene Sache: Wer in Niedersachsen studieren will, muss Studienbeiträge zahlen. Seit Herbst 2006 zahlt jeder angehende Akademiker 500 Euro im Halbjahrestakt an seine Hochschule; Langzeitstudenten sogar mehr.
Inzwischen sind seit dem ersten Zahltag über zwei Jahre vergangen. Weder ist das Audimax der Technischen Universität vergoldet, noch der Bibliotheksboden marmoriert. Selten erkennen Studierende direkt, was mit den Beiträgen passiert. „Dahinten gehen sie hin", lacht Ole Dittberner und zeigt auf die Baustellenfassade des Altgebäudes. „Aber mal ernsthaft, in meinem Studiengang merken wir nicht viel von den Beiträgen", meint der werdende E-Techniker. Jonas Radtke studiert Maschinenbau und sieht das ähnlich: „Wir haben zwar mehr Tutorien und kostenlose Skripte, aber, dass ein Teil der Beiträge irgendwo bei der Verwaltung versickert, ist unfair." Die Hochschulen machen aus der Verwendung hingegen kein Geheimnis – im Gegenteil: Auf ihren Internetseiten geben die Technische Universität (TU) und Hochschule für Bildende Künste (HBK) preis, wo die Gelder landen. Damit wollen sie dem Verdacht entgegenwirken, sie würden die Beiträge verschwenden oder gar in die eigene Tasche wirtschaften. „Eine Hochschule lebt von ihren Studenten", sagt Barbara Straka, Präsidentin der HBK. „Daher ist es Irrsinn zu glauben, wir wollten nicht in deren Interesse handeln." Doch viele Studierende sehen in den Beiträgen vorerst weitere Kosten, die sie neben der Uni zum Kellnern und Kleingeldzählen zwingen. „Nur allmählich wird bemerkt, dass die Studienbeiträge auch Vorteile bieten", bestätigt Anja Reisch, von der Geschäftsstelle des Präsidiums der TU Braunschweig. So können Studierende dank der Finanzspritze bis in die Abendstunden in der TU-Bibliothek büffeln, Sprachkurse besuchen oder in Workshops ihre „Soft Skills" trainieren.
Wer mit der Verteilung der Gelder unzufrieden ist, muss nicht die Arme verschränken und auf Besserung warten. Denn durch Studienbeiträge haben die Studierenden auch mehr Mitspracherecht. Jeder, der an der TU immatrikuliert ist, kann über seine Fachschaft beim Studiendekan Anträge einreichen. Zwei Kommissionen, die paritätisch mit Studierenden besetzt sind, prüfen anschließend die Vorschläge – mit guter Aussicht auf Erfolg: Für das letzte Semester fielen nur neun von insgesamt 255 Anträgen durch das Vergabeverfahren. Alles nur Augenwischerei", behauptet Malte Clausen, Sprecher vom Aktionsbündnis gegen Studiengebühren: „In vielen Gremien hat die Meinung der Studierenden kaum Gewicht." Demzufolge seien die Möglichkeiten der Mitgestaltung sehr klein. „Und selbst wenn Studenten mehr Einfluss auf die Verteilung hätten, halten Studiengebühren weiterhin gerade diejenigen von einem Studium ab, die aus ärmeren Verhältnissen kommen", sagt Clausen. HBK-Präsidentin Barbara Straka wünscht sich, dass Studierende die Beiträge auch als Chance für mehr Eigeninitiative begreifen. Die Kunsthochschule unterstützt mit dem Geld auch Studentenprojekte. Jedoch mischen sich noch wenige Studierende ein, wenn es um den Nutzen und die Verteilung ihrer Gelder geht. Schließlich braucht es seine Zeit, bis der Einfluss spürbar oder das Projekt umgesetzt ist. Zeit, die vielen Studierenden im Bachelorsystem fehlt. Gerade dann, wenn sie für die Gebühren und ihren Unterhalt jobben müssen. „Hochschulen sind aber auf langfristiges und gemeinschaftliches Denken angewiesen", meint Straka, „sonst passiert nie etwas." Sie glaubt fest daran, dass eines Tages Studierende in ihren Beiträgen auch Chancen sehen. „Ich bin mir aber durchaus im Klaren", sagt sie und lächelt, „dass bis dahin noch viel Wasser durch die Oker fließt."
B. Crone, H. Isermann, H. Zelder


