Weiterbildung für alle! Über 200 Fernlehrgänge an Deutschlands größter Fernschule!

PostHeaderIcon Ein verschwommener Blick


Zwischen den Stühlen – unser Autor ist stellvertretend für euch auf der Suche nach Heimat.

Ein leiser Windhauch. Die Nachmittagssonne grüßt von den entfernten Dächern der Stadt. Es ist warm, die Hitze bei jeder Bewegung spürbar. „Achtung! Auf Gleis 1 wird in Kürze der Regionalexpress Richtung Uelzen für Sie bereitgestellt.

Die Abfahrtszeit ist 15.20 Uhr!" Ein kurzes Blinzeln, ein Blick auf die Uhr, ehe das rege Treiben auf den Bahnsteigen die Aufmerksamkeit weckt. Männer mit maßgeschneidertem Anzug und Aktenkoffer hetzen von Gleis zu Gleis. Gestresste Mütter mit quengelnden Söhnen, die jederzeit auszubüchsen drohen. „Der Regionalexpress Richtung Uelzen fährt nun ein! Bitte Vorsicht bei der Einfahrt!" Ein letzter Zug an der Zigarette. Der Wind am Gleis nimmt zu. Die Reisetasche ist geschultert, der MP3-Player eingeschaltet.
„… Aber wo war noch mal hier, tja genau genommen, geht es nicht um die Richtung, beides ist nach Hause kommen", krächzt Rapper Dendemann ein wenig wehleidig.
Und Abgeklärtheit stellt sich ein. Vor dem Fenster beginnt die Landschaft langsam zu verschwimmen. Der Bahnhof wird ein grauer Punkt am Horizont. Bäume und Wiesen, einsame Landstraßen und Felder ersetzen ihn. Alles fliegt vorbei. Wird zu einem undefinierbaren Grün. Bildet Formen. Mal unregelmäßig, mal mit verblüffender Schärfe.
Es berührt doch, nur auf eine andere Art als früher. Mit mehr Sentimentalität, mit mehr Melancholie. Und es geht nicht um die Richtung, beides ist nach Hause kommen. Oder?

Zu Hause war dort, wo man aufwuchs. Dort, wo die Eltern wohnen und das Gewohnte lebt. Wo Erinnerungen allgegenwärtig sind. Mal versteckt an einem Ort mit dem besten Freund und der ersten Zigarette, mal vor aller Augen auf einer Parkbank, wo die große Liebe vorbei lief und ein verstohlener Blick verträumt an ihr haften blieb. Dort, wo mittags das Essen wartete. Wo nachts Grillen vor dem offenen Fenster zirpten. Und man sich bewegte ohne überhaupt darüber nachzudenken.
„Zu Hause war einfach alles gewohnt. Jeden Tag die gleichen Leute in der Schule, die Familie und ein eingeschworener Freundeskreis. Ich wollte nicht weg, hatte Angst vor dem was auf mich zukommt", meint auch Lisa P., ehemalige Studentin der Kunstwissenschaften hier in Braunschweig.
Und mit dieser Einschätzung scheint sie nicht alleine zu sein. In einer repräsentativen Emnid Umfrage für die Zeitschrift Daheim gaben 68 Prozent der rund 1000 Befragten auf die Frage welche Begriffe sie mit Heimat verbinden „Familie“ an. Darauf folgten mit 42 Prozent Vertrautheit und Geborgenheit mit 40 Prozent. Dass Heimat vor allem auch mit einer gewissen Gewohnheit eng verknüpft ist, zeigen die Plätze vier und fünf. So entschieden sich die Teilnehmer für die Begriffe Kindheit mit 39 Prozent und Geburtsort mit 33 Prozent.
Den Moment, der alles zu verändern scheint, beschreibt Zach Braff als Andrew Largeman in seinem Film „Garden State“:
„Kannst du dich an den Tag erinnern, an dem du gespürt hast, dass das Haus in dem du aufgewachsen bist nicht mehr dein Zuhause ist? Du hast da noch dein ganzes Zeug und alles, aber irgendwie ist das auf einmal kein richtiges Zuhause mehr."
Und wirklich, mittlerweile ist auch das anfangs Fremde ein Zuhause. Es gibt neue Lieblingsplätze mit neuen Erinnerungen. Neue Worte, die mit neuen Straßengassen und Hausmauern verwachsen. Unbedacht ausgesprochen und doch mit immenser Wirkung. Neue, ganz persönliche Erfahrungen. Die erste Zigarette in der frisch gestrichenen Küche und Autolärm vor dem Fenster. Neue Leute - mögen, hassen, meiden und zu schätzen wissen.

Ein Blick über den Tellerrand des elterlichen Mittagessens. Ab und zu mit Fastfood und ziemlich oft mit neu erfundenen Tageszeiten. Mit einer neuen Freiheit. Jeder mit Bedacht gesetzte Schritt spürt die Einzigartigkeit unter den Sohlen. Daneben laufen neue, ungewohnte Erklärungsnöte.
Je nach Gegenüber verschwimmt die eigentliche Bedeutung von zu Hause. Mal sind es neue Bekannte, mal die allerbesten Freunde und immer folgt eine umständliche Erklärung. Da ist Hier und Hier ist
Da geworden. Unabsichtlich. Einzig das Wort Heimat vermag es eine klare Trennung zu schaffen. „Bin hier nicht der Neue, da nicht mehr ganz der Alte…" sinniert auch Dendemann weiter. Versuche dazwischen zu vermitteln. Ein Balanceakt in der Hoffnung dabei nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Und dann meist Scheitern. Vermissen, da wo etwas wichtig ist.
Ein Leben, zwischen zwei Bahnhofsstühlen sitzend. Von dem einen so gut wie hinuntergerutscht und den anderen eben doch noch nicht ganz bestiegen.
Denn zum Aufstieg würde gehören, sich fallen zu lassen. Paradox. Denn sich etwas aufzubauen, das von Dauer und mit einem Ort verbunden ist, irgendwo wirklich anzukommen, scheint von entscheidender Bedeutung. Die Schule war meist ein solcher Ort. Wer dachte damals schon ernsthaft daran, dass diese Zeit irgendwann ein Ende haben sollte.
Die Uni hingegen ist keiner. Dort herrscht die Angst vor einer ungewissen Zukunft. Das Wissen, nur eine Zwischenstation zu absolvieren ist, zumindest unterbewusst, allgegenwärtig. Durch die Befürchtung etwas zu verpassen geht die Zeit verloren.
Kommilitonen sind dabei meist nur Wegbegleiter. Bekannte, die das gleiche Schicksal teilen. In den seltensten Fällen entsteht eine wirkliche Freundschaft. Vielleicht auch, weil das eigene Ich schon zu gefestigt ist.
Einer Umfrage der Universität Konstanz im Wintersemester 2006/07 an 16 Universitäten und neun Fachhochschulen mit 8350 Studierenden zufolge leiden 36 Prozent der befragten Studierenden unter massiven Prüfungsängsten. 24 Prozent unter ihnen fühlen sich durch die hohen Leistungsanforderungen „stark belastet". Weiter gab jeder Dritte der Studierenden an, sich um sein späteres Auskommen ernsthaft Sorgen zu machen.

„Wenn junge Menschen ihre Eltern, Geschwister und Freunde verlassen und an einer Uni plötzlich ganz allein zurechtkommen müssen, sind existenzielle Krisen fast unausweichlich", meint Rainer Holm-Hadulla, Professor für Psychotherapeutische Medizin an der Universität Heidelberg.
Viele Hindernisse also, die auch ein Ankommen erschweren.
Die Wenigsten nehmen diese Hürden, der große Rest reißt zumindest eine von ihnen und gerät ins Stolpern. Im Fallen greifen sie nach jedem Ast, der sich am Wegesrand bietet. Und so wird die Studienzeit zu einer Phase des Suchens. Keine sich bietende Möglichkeit bleibt ungenutzt. Keine Tür ungeöffnet, möge das Hindurchgehen auch noch so unwahrscheinlich sein.
Dabei entdeckt jeder Einzelne für sich etwas anderes.
Vielleicht ist es der Moment in dem die Kopfhörer das Lieblingslied spielen während die neue Stadt vorbeizieht und alle äußeren Einflüsse gemutet werden. Vielleicht das Reisen in fremde Länder, die mit neuen Eindrücken und Erfahrungen winken. Vielleicht der Job in den es sich lohnt, die gesamte Kraft zu investieren. Vielleicht ist es auch die Liebe, in der die Erfüllung gefunden wird. Oder von alledem ein Bisschen.
Heimat verlagert sich ins Metaphysische. Wird zu etwas, das nicht auf Anhieb zu benennen und nicht greifbar ist. Zumindest vorübergehend. Denn hinter all diesen Fassaden versteckt liegt eine bestimmte Konstante.
Das Bedürfnis nach Geborgenheit. Danach, irgendwann einen Ort zu erreichen, an dem man sich aufgehoben fühlt. Edgar Reitz stellte einmal fest: „Heimat ist etwas Verlorenes, eine Sehnsucht, die sich nie erfüllen lässt." Dies mag zutreffen. Doch der Gedanke an das Gegenteil ist ein ziemlich schöner.
Einer, an dem es sich festzuhalten lohnt. Einer, auf dessen Erfüllung man gerne warten möchte. Vielleicht irgendwann doch ankommen. Doch einen der Bahnhofsstühle erklimmen.
Denn genau genommen, ist vieles nach Hause kommen. Und vielleicht ist auch nur der Körper auf Reise, während das Herz nie wirklich weg war. „Wir erreichen in Kürze unseren Zielbahnhof und bitten alle Passagiere auszusteigen. Dieser Zug endet hier!"
Auch die anderen Fahrgäste machen sich bereit auszusteigen. Der Zug wird langsamer. Die Bilder am Fenster wieder klarer. Altbekanntes gewinnt immer mehr an Kontur.
Heimat. Dort, wo ein kleiner Junge mal die Welt entdeckte. Und da ist es wieder, das Gefühl zu Hause zu sein. Noch.

Arne Schrader