»Ich kann mich selbst kaum ausstehen«

Wer an einer KDS leidet hält sich selbst für hässlich – meist grundlos. An der TU Braunschweig wird die Krankheit erforscht: Ich habe immer die Angst ausgelacht und lächerlich gemacht zu werden, habe Angst abgestoßen und verlassen zu werden, Angst, dass ich auf der Straße blöd angemacht werde, weil ich hässlich und unattraktiv bin.
Angst Fehler zu machen und nicht gut genug zu sein. Den Spiegel versuche ich zu meiden, und wenn ich reinschaue, versuche ich meine Makel zu verstecken, wenigstens ein bisschen was aus mir zu machen. Ich kann mich selber kaum ausstehen, wie sollen es dann andere können?"
Wie Conny, 24 Jahre, leiden etwa 3 Prozent der Bevölkerung an einer körperdysmorphen Störung, kurz KDS. Bei dieser Krankheit handelt es sich um eine gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers. Sie wird von den Betroffenen allerdings häufig nicht erkannt oder gar verschwiegen und so muss man davon ausgehen, dass die Dunkelziffer noch weit höher liegt. Denn obwohl bereits 1886 beschrieben, ist die Krankheit noch eher unbekannt und wenig erforscht.
Das Krankheitsbild ist sehr vielfältig, bezieht sich aber ausschließlich auf die äußerliche Erscheinung, die im Leben der Betroffenen einen hohen Stellenwert einnimmt. Während von Frauen vor allem das Gesicht oder die Haut als Problemzone empfunden wird, ist es bei Männern meist die Statur. Der von ihnen festgestellte körperliche Makel ist dabei für Außenstehende objektiv kaum nachvollziehbar. Jedoch ist der häufig verwendete Begriff der „eingebildeten Hässlichkeit" nicht zutreffend. „Es handelt sich um eine Körperschemastörung, bei der die Betroffenen den eigenen Makel wirklich wahrnehmen", erklärt die psychologische Psychotherapeutin Anja Grocholewski von der TU Braunschweig.
Viele der Betroffenen zeigen sogar Einsicht, ein Großteil aber steigert sich in einen regelrechten Wahn, der nicht selten in Schönheitsoperationen oder Selbstverstümmelungen endet. „Es gibt zum Beispiel Hinweise darauf, dass Stars wie Michael Jackson und auch die deutsche Barbie Angela Vollrath, die ihr früheres Äußeres durch ein anderes ersetzt haben, an einer KDS leiden", erklärt Grocholewski. Besserung versprechen diese Maßnahmen jedoch nicht. Es tritt lediglich ein neuer Makel auf.
„Es ist einfach ein endloser Kreislauf, in dem ich mich da befinde", so Conny, die sich selbst Verletzungen zufügt. Worin genau die Ursachen für eine solche Erkrankung liegen, ist auch unter Psychologen umstritten. Alleine dem in den Medien verbreiteten Schönheitsideal die Schuld daran zu geben wäre zu einfach, meint Grocholewski. „Niemand bekommt eine Störung weil er Germany’s next Topmodel sieht. Man kann also nicht von Schönheitswahn sprechen – die Betroffenen wollen nicht schön sein, sondern normal aussehen."
Fest steht, dass der Grundstein für die Krankheit bereits in der Kindheit oder der Pubertät gelegt wird. Familiäre Probleme, Mobbing, ein tatsächlicher kleiner Makel, wie etwa Akne, oder sogar Gewalt und Drogenmissbrauch sind nicht selten die Auslöser. „Mir wurde immer wieder gesagt wie hässlich und entstellt ich doch bin. Das habe ich irgendwann einfach auch geglaubt", schildert Conny. Abgrenzung und soziale Isolation sind mögliche Folgen, die ihrerseits weitere psychische Erkrankungen wie Depressionen, Zwangs- oder Verhaltensstörungen nach sich ziehen können.
Die Krankheit nimmt so eine immer zentralere Rolle im Leben der Betroffenen ein. Kontrolle und Emotionsregulation bestimmen dann den Alltag. „In den gravierendsten Fällen gehen die Personen nicht mehr arbeiten, oder trauen sich nur noch nachts auf die Straße", so die Psychologin. Dabei wird das Aussehen als Sündenbock für alle Misserfolge herangezogen. „Vieles, an dem ich scheitere, beziehe ich auf mich, auf mein Aussehen", beklagt auch Conny. Die meisten an KDS erkrankten Personen suchen aufgrund anderer psychischer Störungen einen Therapeuten auf, weil die Sorgen um das eigene Aussehen aus Scham meist zunächst verschwiegen werden.
Das Hauptaugenmerk der anschließenden Behandlung liegt auf der Steigerung der Lebensqualität, indem mit dem Betroffenen an seinem Selbstwertgefühl und seinen sozialen Fähigkeiten gearbeitet wird. „Der Erfolg einer solchen Behandlung hängt natürlich immer von der Einsicht und Bereitschaft des Patienten ab", sagt Grocholewski. Conny hat den Schritt zur Therapie bereits gewagt und steht mit einem Bein wieder im Leben. „Um meine soziale Angst und den großen Selbsthass zu verlieren, möchte ich mehr Vertrauen zu mir und anderen entwickeln. Ich möchte lernen mich selbst zu mögen und von mir selber und meinen Stärken überzeugt zu sein." Immer vor Augen hat Conny dabei ihren großen Traum. Eines Tages will sie eine Ausbildung zur Erzieherin machen.
Franziska Ziemann, Jonas Hartwig


