»Letztendlich kochen alle nur mit Wasser«

Dennis Bemmann (30) ist einer der Gründer von studiVZ, des erfolgreichsten sozialen Online-Netzwerks in Deutschland. uni38 trifft den stillen Macher und Millionär aus der New Economy-Szene standesgemäß in einem Berliner Starbucks-Café.
Ein Gespräch über die Magie des Anfangs und darüber, was jemanden umtreibt, der schon in jungen Jahren beruflich alles erreicht hat.
Wie seid ihr auf die Idee gekommen studiVZ zu entwickeln?
Das war eine längere Entwicklung. Als Schüler war ich bei „Jugend forscht" aktiv, aber irgendwann ist man zu alt dafür. Damit die Kontakte nicht abbrechen, haben wir uns überlegt man sollte doch was tun, um dieses Netzwerk aufrecht zu erhalten. So wurde das Jungforschernetzwerk „juforum e.V." gegründet. Ich habe mich dann um die technische Umsetzung gekümmert und die Website erstellt.
Damals war das studiVZ-Konzept also bereits geboren …
… genau, die Idee dahinter ist dieselbe – nämlich Leute, die etwas verbindet, zu vernetzten und zusammenzubringen. Ehssan Dariani, mein Mitgründer, hat damals ein Praktikum in den USA gemacht und gesehen, dass dort die sogenannten social networks gerade populär wurden. Da sind wir auf die Idee gekommen so etwas auch in Deutschland zu machen.
Und dann ging es einfach los?
Ja, wir haben uns anfangs zum Brainstormen in Cafés getroffen, genau wie wir gerade. Zu Hause haben wir dann weiter gebastelt, wir hatten die ersten sieben Monate natürlich noch kein Büro. Als wir dann aber mit der ersten Version online waren, war sehr schnell ein unheimliches Interesse da. Von da an war es ein Fulltimejob.
Blieb da überhaupt noch Zeit für dein Studium?
Nein, das Studium musste ich zurück stellen. 2005 hatte ich meine Prüfungen absolviert, es fehlte nur noch die Diplomarbeit. Insofern war es schon ein guter Zeitpunkt, weil ich sie noch nicht angemeldet hatte. (er grinst) Das ist übrigens immer noch so, aber ich habe vor meine Abschlussarbeit noch zu schreiben.
Du hast Informatik studiert. Hat dir das Studium bei der Gründung von studiVZ sehr geholfen?
Natürlich hilft das Studium dabei, die Arbeitsweisen zu verbessern, oder bestimmte Dinge sinnvoller zu lösen. Ich glaube, dass ein
theoretischer Background einfach zu einer höheren Professionalität führt.
Wie haben eure Freunde auf euren Plan reagiert?
Wir haben erstmal alle Leute, die wir kannten genervt, dass sie sich bei
studiVZ anmelden sollen. Einige haben sofort den Nutzen der Seite verstanden und angefangen mehr Freunde einzuladen. So wuchs die Seite nach und nach.
Ganz konkurrenzlos war studiVZ nicht, wieso habt ihr euch am Ende durchgesetzt?
Vor allem, weil wir über persönliche Kontakte gewachsen sind. Die Mitglieder, die wir gewonnen haben, haben sich wirklich aus Interesse am Netzwerk angemeldet. Das sind die Nutzer, die so eine Seite braucht. Wenn man auf Teufel komm raus irgendwie 10 000 Mitglieder wirbt hat man am Ende nur tote Profile. So kommen keine neuen Mitglieder dazu, weil der Anreiz sich anzumelden einfach fehlt.
Wie sah es denn mit der Finanzierung des Projekts aus?
Zu Beginn hatten wir keine hohen Kosten. Wir saßen ja bei uns zu Hause und haben programmiert. Bald mussten wir aber einen Server mieten und haben dann, um nicht privat zu haften, das Ganze mit einer Kapitalgesellschaft abgesichert. Wir haben dann auch schnell einen ersten Investor für uns gewonnen.
Lukasz Gadowski, Gründer von Spreadshirt. Wie habt ihr ihn gefunden?
Er ist ein alter Schulfreund von Ehssan. Er fand die Idee spannend, hat an uns geglaubt und uns dann recht unproblematisch gegen Anteile Geld gegeben. Das war, verglichen mit anderen Gründungen, eine relativ kleine Summe, so um die 10 000 Euro. Es war ein Zeitpunkt, an dem wir noch nicht so weit waren, bei großen Investoren anzufragen.
Gab es überhaupt ein persönliches Risiko für euch?
Nein. Ich dachte mir, falls es nicht funktioniert, schreibe ich meine Diplomarbeit halt später und kann in meinen Lebenslauf schreiben, dass ich mal was gegründet habe.
Das ist übrigens das Gute als Student kurz vor oder nach dem Abschluss. Man kann praktisch alles machen und muss nicht viel dafür aufgeben.
Klingt ziemlich reibungslos.
Im Gegenteil. Das schnelle Wachstum war ein großes Problem, mit dem sich nur ganz wenige Leute weltweit auskennen. Man kann aber nicht einfach bei Google anrufen und fragen, „Hey, wie macht ihr das denn?" Die Hoster haben uns Studenten natürlich auch nicht geglaubt, dass wir so schnell immer mehr Server brauchten. Daher mussten wir viel Pionierarbeit leisten.
Hast du noch einen Tipp für andere junge Firmengründer?
Das Team sollte so sein, dass sich die Kompetenzen ergänzen. Es ist einfach sinnvoll sich mit Leuten zusammenzutun, die ein anderes Profil haben. Aber vor allem: Sei von deiner eigenen Idee überzeugt und trau dich! Man kann viele Leute um Rat fragen, aber letztendlich kochen alle nur mit Wasser. Uns hat man gesagt, „Ihr macht ne Website auf rot! Na, seid ihr denn bescheuert!?" Das Ergebnis kennen wir ja.
Wenig später telefoniert Dennis Bemmann bereits wieder - natürlich auf Esperanto. Sprachen sind neben der Informatik seine zweite große Leidenschaft.
studiVZ: Die Fakten
Der Anfang
Im Oktober 2005 gründen Dennis Bemmann und Ehssan Dariani studiVZ. Wenige Monate später stößt Michael Brehm zum Gründerduo hinzu. Die Nutzerzahlen steigen rasant auf über eine Millionen an.
Der Ausverkauf
Am 2. Januar 2007 wird studiVZ für 85 Millionen Euro vollständig vom Holtzbrinck-Konzern gekauft. Die drei Gründer scheiden nacheinander aus dem Unternehmen aus. Der US-Mediendienst „TechCrunch" schreibt studiVZ im Juni 2009 einen Wert von 302 Millionen US-Dollar zu. Mittlerweile haben studiVZ, meinVZ und schülerVZ zusammen über 15 Millionen Nutzer.
Birthe Oelgeklau, Nico Bensch


